Ein Dank an die Alltagshelden der Menschenfreundlichkeit oder

Wie ein kleines bisschen Freundlichkeit unsere Welt verändern kann

Längst will ich einen Dankesbrief an Menschen schreiben, die ich sehr bewundere, weil sie bei allen täglichen Widrigkeiten und damit den Mühen des Alltags eine tiefe Menschenfreundlichkeit leben. Ob in der Warteschlange beim Bäcker, im Gedränge der U-Bahn oder im Straßenverkehr und vor allem – bei so vielen Sitzungen, Besprechungen, Versammlungen – begegnen sie Menschen mit einer unerwarteten und ebenso entwaffnenden Langmut und auch Sanftmut. Ohne Ironie und Hintergedanken möchte ich diesen Menschen mit diesem Text meine Bewunderung und meinen Dank übermitteln!
Man spürt einfach, dass sie grundsätzlich die Menschen mögen! Und es ist faszinierend, wie sehr sie zwar an der Sache interessiert bleiben und gleichzeitig den Nächsten doch immer den Vorzug geben: Wenn sich Effizienz und Effektivität – so nötig sie der Sache willen wären – sich einfach nicht umsetzen lassen, da wir den Menschen gegenüber unrecht tun würden, dann müssen die persönlichen Befindlichkeiten des Gegenübers im Vordergrund stehen und bei allen Unzulänglichkeiten doch Freundlichkeit und Wohlwollen entgegengebracht werden. Einfach bewundernswert, wer das lebt – ein fast grenzenloses Wohlwollen, um nicht gleich im Umgang mit den anderen das große Wort von der Liebe zu verwenden. Chapeau!
Es gibt diese schöne Phrase und den dazu passenden Aufruf: „Random Act of Kindness!“ (oft sogar abgekürzt als RAOK) im Englischen. Als Initiatorin für diese Bewegung, immer wieder Formen und Aktionen der Freundlichkeit ohne Erwartung einer Gegenleistung zu vollbringen, gilt die Schriftstellerin Anne Herbert. In den achtziger Jahren soll sie an die Wand eines Restaurants in Kalifornien diesen Aufruf geschrieben haben: „practice random kindness and senseless acts of beauty“. Ihr gleichnamiges Kinderbuch erschien 1993, in dem sie kleine Geschichten von dieser Menschenfreundlichkeit erzählt. Mittlerweile gibt es ganze Ratgeber, wie wir kleine Formen der Freundlichkeit und nette Gesten immer wieder nutzen können, um den Menschen eine Freude zu machen.
Relativ unbeachtet erschien im selben Jahr ein Buch von Jack Womack mit dem Titel: „Random Acts of Senseless Violence” (Grove Press 1993) und damit sozusagen die Gegenposition von Anne Herbert als Wortspiel. In diesem Roman wächst die wohlbehütete 12-jährige Lola Hart in guten Verhältnissen auf, bis sich das Blatt wendet. Das Leben wird unsicher und fragil. Kriminelle zerstören die öffentliche Ordnung. Und bezeichnenderweise findet ihre Mutter als Lehrerin keine Arbeit und ihr Vater, ein Schriftsteller, kann seine Bücher nicht veröffentlichen. Bildung wird also nicht genutzt und ein Schriftsteller nicht gehört.
Würde man die Geschichten der unerwarteten kleinen, guten Dinge von Anne Herbert dieser dystopischen Schilderung gegenüberstellen, wo würden wir uns wiederfinden? Wahrscheinlich an manchen Tagen eher bei Womack. Auch um uns herum verändert sich Gesellschaft und Politik nicht zum Guten.
Und dennoch: Die Menschenfreundlichkeit hoch zu halten, sie in kleinen Gesten und Taten zu verteidigen, ohne in den Seufzer Schopenhauers einzustimmen: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere!“
Aber ich merke auch, wie viel Energie dies kostet. Vielleicht auch deshalb, weil es eben nicht so einfach ist und wir beim Verschenken von Freundlichkeit nicht auf ein unerschöpfliches Reservoir zurückgreifen können. Zwar bin ich überzeugt, dass wir nicht die direkte Rückmeldung brauchen; wir auch damit umgehen können, wenn die Freundlichkeit eben nicht erwidert wird. Dann kann sogar manchmal ein freundliches und sogar deutliches Trotzdem! und Dennoch! als innere Haltung uns den Weg ebnen, weiterzumachen. Aber ich meine schon, dass wir selbst Quellen brauchen, aus denen wir für diese Freundlichkeit schöpfen können.
Ich selbst brauche eine eigene Form von Spiritualität, um die Kraft für die Menschenfreundlichkeit zu finden und zu bewahren. Es ist sicher kein Zufall, dass zur neueren Ausgabe von Random Kindness and Senseless Acts of Beauty der bekannte Geistliche und Menschenrechtsaktivist Desmond Mpilo Tutu ein Geleitwort geschrieben hat. Er legt seine ganze Hoffnung auf diese kleinen Zeichen der Menschenfreundlichkeit, um das große Ganze zu verändern: “We can indeed transform the world, and we are each called to take part in this sacred work. Random Kindness and Senseless Acts of Beauty offers this simple and powerful message of wisdom and hope. Wherever you are, you can create beauty. Moment by moment, you can create joy. Instant by instant, you can offer kindness.”
Das klingt sehr hoffnungsvoll. Ich schließe mich seiner Hoffnung an und wünsche mir, dass sie trägt. Aber in manchen Momenten wird man auch müde und an manchen Tagen spüre ich, dass diese inneren Quellen versiegen. Zumindest an manchen Tagen oder auch nur in manchen Augenblicken. Und dann bewundere ich umso mehr Menschen, die durchhalten! Diese Zeilen sind Ihnen gewidmet!


Beitrag auf Sinn & Gesellschaft
https://sinnundgesellschaft.de/ein-dank-an-die-alltagshelden-der-menschenfreundlichkeit/

Man sollte mal genauer hingucken

Ein Beitrag zur Frage, was katholische Akademien zu bieten haben
Februar 2024

Manchmal reibt man sich nur verwundert die Augen bei der Lektüre eines Textes und ist versucht, ihn einfach zur Seite zu legen oder weg zu klicken und dahin zu befördern, wo sowieso vieles landet, nämlich im digitalen Papierkorb.
So erging es mir beim Lesen des Artikels „Bis keiner mehr hinguckt“ von Ulrich Greiner, bei dem sich der Untertitel sehr schnell als rein rhetorische Frage entpuppt: „Was haben katholische Akademien eigentlich noch zu bieten?“ Denn die Antwort ist für den Autor recht eindeutig: Wenig bis tendenziell überhaupt nichts! 
In einem Blogbeitrag greift Ulrich Greiner am 29.1.2024  zwei kleine Fundstellen - die Festschrift einer katholischen Akademie und das Halbjahresprogramm einer anderen auf, um sie zum einen völlig aus den weiteren Kontext der dortigen Akademiearbeit zu reißen und dann auch noch Schlußfolgerungen zu ziehen, die gleich allen Akademien ihre Relevanz und auf Dauer Berechtigung abspricht. Der kleine Satz dazwischen: „Es könnte immerhin sein, dass die übrigen 22 Akademien genau das Programm machen, das mir fehlt“ macht es dann auch nicht besser, sondern belegt eher die aufmerksamkeitserheischende Absicht dieser Zeilen.
Soll man nun als Direktor einer derartigen Einrichtung darauf reagieren, wenn ein profunder Kenner bildungstheoretischer Diskurse und auch der katholischen Welt beim mit großem Aufwand runderneuerten Re-Start-Up von Communio (jetzt unter dem Dach des Herderverlages) offenbar einzelne, nicht repräsentative Fundstücke herausgreift, um auf der Grundlage eines nicht spezifischen Bildungsbegriffes und eines verkürzenden Verständnisses des „Katholischen“ ein Urteil vorzulegen? Und bedeutet auf einen solchen Artikel zu reagieren üblicherweise nicht bereits, ihn ernst zu nehmen - was ich bei einer derart schlecht recherchierten Polemik nun wirklich nicht tun kann?
Unter Polemik – so findet man es flugs bei Wikipedia – bezeichnet man „einen meist scharfen Meinungsstreit. (…) Ziel ist, die eigene Meinung auch dann durchzusetzen, wenn sie sachlich nicht oder nur teilweise mit der Realität übereinstimmt. Der Begriff hat historisch einen Wandel erfahren; die ursprüngliche Bedeutung von Polemik war Streitkunst, ein literarischer oder wissenschaftlicher Streit, eine gelehrte Fehde.“
Aus diesem Grund schreibe ich diese Zeilen - denn es geht mir nicht um eine Apologie der wichtigen Bildungsarbeit, die an Akademien geleistet wird: Ein – selbst nur kursorischer Blick – auf die Angebote und Projekte der pauschal abgeurteilten Akademien in Deutschland (Surf-Tipp: akademien.katholisch.de) würde ein differenzierteres und breit gefächertes Bild ergeben. Und ich werde z.B. auch nicht ausführen, wie intensiv biblische Angebote, akademische Exegese im weitesten Sinne, an unseren Häusern vermittelt werden, und damit eben auch die Durchdringung und Erschließung der Grundvollzüge des Katholischen, auch die im Artikel angemahnte Auseinandersetzung mit der Liturgie an. Und auch nicht, wie sehr katholische Akademien Orte sind, an denen man gerne katholisch ist und wo Gott immer wieder ins Wort gesetzt wird. 
Es geht mir vielmehr darum, dass man im oben zitierten Wortsinne darüber streitet, wie wichtig besondere Orte sind und wie man sie immer wieder aufs Neue gestaltet.
Die katholischen Akademien in Deutschland sind entstanden aus der Erfahrung des Unrechtssystems der Nationalsozialisten und der Notwendigkeit, auch als Kirchen einen Beitrag zu (politischer) Bildung, Auseinandersetzung und Diskussion zu leisten. Eine zweite Gründungswelle wurde durch das Zweite Vatikanum initiiert, wodurch der begonnene Dialog zwischen Kirche und Welt im wahrsten Sinne des Wortes „verortet“ werden sollte. Und eine dritte Gründungswelle folgte ab 1989 im Osten der Republik. 
Seitdem ist viel geschehen, aber dieser Gründungsauftrag ist heute noch genauso aktuell wie damals. Zum einen, Menschen zu befähigen und politisch wie existenziell sprachfähig zu machen. Und dies immer auch im interreligiösen (und für die religiös Unmusikalischen auch interethischen) Dialog. Neben dieser gesellschaftspolitischen Aufgabe war es immer wichtig, im übertragenen Sinne „den Himmel offenzuhalten“. Auch gerade das anzubieten, was dezidierte religiöse Bildung ausmacht. (Übrigens: Als Wesensmerkmal des „Katholischen“ sehe ich dabei, dass seit Meister Eckhart über die kirchlichen Reformbewegungen im 13. und 16. Jahrhundert bis hin zur christlich mitgeprägten Reformpädagogik Bildung stets ganzheitlich verstanden und religiöse Bildung immer in Bezug gesetzt wurde zur Grundbildung, kultureller und politischer, aber auch musischer und praktischer Bildungssegmente). Zum anderen wurden die Akademien zunehmend auch Orte der religiös Unbehausten und konnten damit die nötigen Schnittstellen und Übergänge gestalten, die zwischen den früher klarer abzugrenzenden Bereichen wie Kirche und Welt, Gesellschaft und Politik, Religion und Wissenschaft liegen.
Hier sehe ich die große Bedeutung von Akademien, als jene berühmten „dritten Orte“ nach Ray Oldenburg, wo Menschen zusammen Gemeinschaft und Gesellschaft gestalten und der nach Max Weber wichtigen Funktion von Religionsgemeinschaften nachkommen, aus religiöser Überzeugung sinnstiftend und ordnungsstiftend zu wirken.
Wo wir diesen Grundbezügen des kirchlichen Auftrages am besten nachkommen, welche Rolle dabei - mit immer wieder neuen Formaten und aktuellen Themen im Angesicht der alten Fragen nach der conditio humana und der imago dei - die katholischen Akademien spielen: DAS  ist es wert, darüber zu streiten. Wenn man es denn überhaupt will…


Beitrag auf katholisch.de
https://www.katholisch.de/artikel/50768-akademiechef-kann-schlecht-recherchierte-polemik-nicht-ernst-nehmen 

Gegen die Sprachlosigkeit...

Gegen die Sprachlosigkeit und für die Freundschaft
Ein Brief an meine jüdischen Freundinnen und Freunde,
 
seit dem 7. Oktober überlege ich jeden Tag, ob ich Euch schreiben sollte, um Euch meine Solidarität zu bekunden. Und jeden Tag hoffe ich zum einen, dass es unnötig ist, da Ihr sowieso wisst, dass ich an Eurer Seite stehe und jeden Tag kämpfe ich mit einer zunehmenden Sprachlosigkeit. 
Heute schreibe ich nun, um Euch mehr als meine Solidarität, nämlich meine Freundschaft zu versichern. Und ich schreibe es in einem offenen Brief, da ich mit anderen auf die Suche gehen will, wie wir die Sprachlosigkeit überwinden und Wege finden, um der Menschlichkeit wieder Raum zu geben und sie auch ganz massiv zu verteidigen, denn leider ist es ist dringend nötig.
 
Seit vielen Jahren kennen wir uns und sind freundschaftlich verbunden, zu einzelnen hat sich die Verbundenheit sogar wunderbar vertieft. Dafür bin ich - wie für alle meine Freundinnen und Freunde - unbeschreiblich dankbar. Und daher ist auch die genutzte Anrede so eigenartig und sperrig, denn ich würde Euch ja sonst nie als "jüdische" Freunde bezeichnen. Ihr seid eben Freundinnen und Freunde, wie sich im Leben nun mal Freundschaften entwickeln, wie man sich eben schätzen und lieben lernt und umeinander weiß. Ihr gehört zu einem Freundeskreis, in dem es ganz unterschiedliche Menschen gibt mit ihren je eigenen Prägungen, Merkmalen, Orientierungen und ich habe mich in den letzten Wochen oft gefragt, welche Bedeutung es für mich spielt, dass Ihr jüdischen Glaubens seid. Eine geringe, und vor allem eine nachgeordnete,- das ist mir wichtig und ich möchte auch nicht, dass Ihr immer wieder auf diesen einen Bereich Eurer Identität reduziert werdet und er eine derart dominante Rolle spielt.  So wie auch ich mir übrigens wünsche, nicht auf ein Bestimmungsmerkmal reduziert zu werden.
 
Freundschaften sind ein großes Gut und ich meine sogar, sie führen uns den Kern unseres Menschseins vor Augen. Albert Camus hat die Freundschaft in einer Rede einmal gepriesen als das Größte, zu dem Menschen fähig und durch sie "der Mensch die Freude am Menschen erfährt, ohne dem die Welt nichts anderes ist als unendliche Einsamkeit." (Rede vom 15.3.1945) Freundschaften sind nicht nur die unverbrüchliche Blutsbrüderschaft, die innige Busenfreundschaft oder nach der schönen Sentenz, "die Entschuldigung Gottes für die Familie" und damit Wahlverwandtschaften. Freundschaften beginnen mit dem freundlichen Blick auf den Anderen. Sie gründen auf der biblischen Menschenfreundlichkeit Gottes, die den Nächsten als Ebenbild Gottes sehen (wie in der jüdisch-christlichen Tradition) oder auch als Träger des Göttlichen und Ewigen (wie im Hinduismus und Buddhismus). In dieser Menschenfreundlichkeit des Einzelnen liegt die Anerkennung, dass wir alle die gleiche Würde in uns tragen und die damit verbundenen Rechte anerkennen und darin liegt auch der Keim für erfüllende und vertiefte Freundschaften. Der jüdische Philosoph Martin Buber hat es so schön ins Wort gefasst: "Denn jedes wirkliche Leben ist Begegnung" oder wie es die afrikanische Ubuntuphilosophie treffend beschreibt: "Ich bin nur, weil Du bist und Du bist nur, weil ich auch bin". 
Und wir alle brauchen und kennen auch diese freundschaftliche Verbundenheit mit vielen und die daraus erwachsene Freundschaft mit einzelnen, mit denen wir unser Leben teilen als die Quelle der Freude.
 
Und nun wird Euch, liebe Freundinnen und Freunde ab dem 7.10.2023 mit neuer Wucht und unvorstellbarer Radikalität das Menschsein abgesprochen. Die Dynamik der letzten Wochen hat mich sprachlos gemacht. Natürlich weiß ich bei aller Faszination für das Gute (und Göttliche) des Menschen auch um seine dunklen Seiten, um das Böse (und Zerstörende). Und ebenso um die Komplexität zwischen den Möglichkeiten der Freundschaft und um die Abgründe der Feindschaft. Wie oft stand ich in den letzten Jahren kopfschüttelnd an Erinnerungsorten von Völkermord, Holocaust und Genozid. Bei aller Unvergleichbarkeit doch mit dem einen Grundmuster: den Menschen zu entmenschlichen, ihm sein Menschsein abzusprechen! Und doch hatte ich diesem schlummernden Gift nicht diese Wirkung zugetraut, die es gerade entfaltet. Natürlich wusste ich um verschiedene Wirkungszusammenhänge, dass Antisemitismus bspw. auch völlig ohne Juden auskommt, dass er eine Chiffre für so vieles sein kann. Aber wie sich Judenhaß jetzt ans Licht traut, hat eine völlig erschütternde Dimension. Kopfschüttelnd liest man manche Zeilen und reibt sich mit dem Blick auf den Kalender ungläubig die Augen: „Vor Antisemitismus aber ist man nur noch auf dem Mond sicher“ schrieb Hannah Arendt am 26.12.1941 in einem Artikel für die Zeitschrift Aufbau und wir schreiben gerade das Jahr 2023.
 
Es hat mich sprachlos gemacht und vor allem ratlos. Denn würde man den Antisemitismus auf einen Kampfplatz bekämpfen können: Ich würde mich bei all meiner Zaghaftigkeit melden und mich ihm entgegenstellen. Aber dieser Gegner des Menschlichen lauert unerwartet überall und er verbündet sich stets aufs Neue mit allen anderen Formen der Menschenfeindlichkeit: dem Hass, dem Rassismus, der Xenophobie, der Homophobie.
Allmählich finde ich meine Stimme wieder und erhebe sie für die Menschlichkeit und gegen Antisemitismus und Hass. Aber es sind sehr oft die leisen Wege, die ich dabei gehe: Das Nachfragen bei den Kollegen, der Widerspruch gegenüber dem Nachbarn und damit das stete Einmischen in Gespräche – wo immer Judenhaß auftaucht.
Vielleicht hätte ich Euch von dieser Sprachlosigkeit und den tastenden Momenten der Stellungnahmen in der Öffentlichkeit bei Kundgebungen ebenso wie den leisen in Einzelgesprächen berichten sollen. Ich hatte es für selbstverständlich gehalten, dass man darüber nicht sprechen und sich der Freundschaft nicht versichern muß. Aber vielleicht ist es nötig und daher kann ich Euch versichern, dass unsere Freundschaft ein Anker ist. Ein Anker, der einen hält bei Gegenwind und auf dieser rauen See die Zuversicht schenkt, nicht vom Winde verweht zu werden oder gar Schiffbruch zu erleiden in stürmischen Zeiten.
Vielleicht muß man das auch mal aussprechen, auch wenn Freundschaft für das Leben wie Sauerstoff für das Atmen nicht der Worte bedürfen sollte. LaChaim – auf das Leben, liebe Freundinnen und Freunde!



Erschienen auf "Sinn und Gesellschaft" - https://sinnundgesellschaft.de/gegen-die-sprachlosigkeit-und-auf-die-freundschaft/ vom 11.12.2023

Brandmauer gegen Rechts und Links ... 

Leserbrief zum Kommentar von Michael Husarek vom 25.10.2023

Brandmauern sind im Handwerk „feuerbeständige Abgrenzungen“, um ein Gebäude vor dem Übergreifen der gefährdenden Flammen und schlimmstenfalls der Zerstörung zu schützen. Und in der Politik wird gerne gefordert, eine Brandmauer gegenüber den Ideologien und schlicht politischen Rattenfängern einzuziehen, die unsere Demokratie gefährden. Und gerne werden dann auch gleich zwei Brandmauern gefordert, eine nach rechts und eine nach links, wie es auch Michael Husarek formuliert.
Als Vertreter des KDM (Kompetenzzentrums für Demokratie und Menschenwürde) werde ich seit Jahren gefragt, ob ich mich genauso intensiv gegen Linksextremismus einsetze wie gegen Rechtsextremismus. Und meine Antwort ist stets: Ja, das tue ich ganz eindeutig! Und es gilt, auf beiden Augen wachsam zu bleiben! Nur sehe ich derzeit viele konzertierte Aktionen von rechts, ich sehe die gezielten Angriffe und die Aushöhlung des Rechtsstaats, die unverblümten Äußerungen, mit „dem System“ – von den „Altparteien“ bis zum „Ende der EU“ - aufzuräumen und die Demokratie zu kapern, um sie mindestens zu beschneiden, ich sehe die Zunahme rechtsextremer Gewalttaten (86% der antisemitischen Angriffe gehören zum rechten Lager lt. Bundespolizei), die Zunahme menschenverachtender Positionen (von Antisemitismus bis Rassismus und damit allen Spielarten der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit) und ich höre die Stimmen des obersten Verfassungsschützers, der Bundesinnenministerin wie auch ganz eindeutig des bayerischen Innenministers, die alle von der massiven Gefährdung von rechts sprechen.
Ja, es gibt viele Gefährdungen von links und der linke Antisemitismus ist ebenso abscheulich wie der von rechts. Es gibt Extremisten und vor allem Terroristen unterschiedlicher Motivation. Dagegen braucht es eine bessere Sicherheitspolitik, ein Überdenken der Zusammenarbeit mit Partner, die (in)direkt Terroristen (wie eben die genannte Hamas) unterstützen. Dagegen braucht es ein mutiges Einschreiten. Aber eine Brandmauer, die braucht es ganz eindeutig gegen rechts, denn von dort geht gegenwärtig die größte Gefährdung der Demokratie aus. Die Hufeisentheorie und damit eine Gleichsetzung von Gefahren von links und rechts bergen die Gefahr, sie zu relativieren. Und eine Brandmauer ist dringend nötig – die Flammen und Gefährdungen sind schon erschreckend genug. 


(K)eine Wahlempfehlung 

Was Evangelium und Wahlentscheidungen miteinander zu tun haben
September 2023 zur Landtagswahl

„Verwählt Euch nicht“, sagte unser Vater Ende der 1980er Jahre zu uns Kindern, als meine Geschwister und später auch ich zum ersten Mal wählen gehen durften. Mir hat diese Formulierung bereits damals sehr gefallen. Denn zum einen war es ein klares Bekenntnis: Man geht wählen! Das stand völlig außer Frage. Das Recht zu wählen war ganz selbstverständlich auch eine Pflicht, um damit seine Stimme einer Partei zu geben, die für die kommenden Jahre das politische Leben entscheiden sollte.

Und zum anderen war mit einem gewissen Augenzwinkern klar, dass wir möglicherweise unter dieser „richtigen Wahl“ etwas Unterschiedliches meinen konnten. Letztlich blieb es eben unsere Gewissensentscheidung. Und der Rahmen war auch gesetzt, in dem die politischen Positionen zu prüfen waren. Nicht zuletzt ging man zumeist gleich nach dem Sonntagsgottesdienst von der Kirche in das gegenüberliegende Rathaus, in dem die Wahlurnen aufgestellt waren.

 

Eindeutige Aussagen im Evangelium

 

Nun ist das Evangelium kein politisches Manifest und es enthält auch keine Wahlempfehlung. Und natürlich gibt es Aussagen und Botschaften, die unterschiedlich interpretiert werden können. Aber es gibt auch Eindeutiges.

Wenn jeder Mensch nach dem Abbild Gottes geschaffen ist, dann ist damit ganz eindeutig jede und jeder gemeint und es gibt keine Ausnahme und Unterschiede. Und dann ist das diametral entgegengesetzt der damaligen Aussage im AFD-Wahlprogramm, wenn es dort hieß „Wir treten für ein differenziertes Menschenbild ein.“

Wenn als Handlungsmaxime gefordert wird, „Liebe Deinen Nächsten“, dann ist damit nicht der Nächststehende, der Verwandte oder die Gruppe und Landsmannschaft bzw. Nation gemeint, sondern der Mensch, den ich mit meinem Handeln erreichen kann, für den ich – wie Kain für seinen Bruder Abel – verantwortlich bin, damit auch er „ein Leben in Fülle“ haben kann.

 

Wenn es heißt, „Der Nächste ist der, der die Barmherzigkeit an ihm tat“, dann wird im Gleichnis vom Samariter nochmals klargestellt, um was es geht: Jede Form der Ausgrenzung, Abschottung durch elitäres und rassistisches Gedankengut widerspricht diesem Geist des Evangeliums, das für Solidarität und Liebe (von der Nächstenliebe bis zur Feindesliebe) einsteht und aufruft zum Mitgestalten des Reiches Gottes, das geprägt ist von „Gerechtigkeit und Frieden“.

 

Das Gleichnis vom Samariter ist dabei ganz wunderbar und bleibt eben offen. Denn wir wissen nicht, wie es weiter ging mit dem misshandelten Mann, der unter die Räuber gefallen war. Wurde er gesund, blieb er noch in der Herberge? Kümmerte sich der barmherzige Samariter nicht nur um diesen Mann, sondern suchte nach Lösungen für sichere Straßen, zur Eindämmung der Gefahren durch Räuber? Oder ging es nicht weiter, kam er vielleicht nicht zurück, um weiter zu helfen, wie er es versprochen hatte? Viele Lösungen sind denkbar und das Evangelium bietet auch an dieser Stelle keine einfachen Lösungen, aber die Grundlinien sind klar und stecken die roten Linien ab.

 

Rote Linien werden überschritten

 

Im politischen Getriebe werden derzeit diese roten Linien überschritten. Wenn in Thüringen ein Landrat und in Sachsen-Anhalt ein hauptamtlicher Bürgermeister aus den Reihen der AFD gewählt werden, dann spricht man vom demokratischen Willen, den dadurch geschaffenen Notwendigkeiten der Zusammenarbeit und des unumgänglichen Dialogs und der Einbeziehung – und man übersieht, dass diese Partei in ihren Grundlinien menschenfeindlich, ausgrenzend, rassistisch und antidemokratisch spricht und handelt. Und diese roten Linien scheinen immer weniger deutlich erkennbar zu sein, gerade bei den kommenden Wahlen.

Daher möchte ich heute ganz laut und deutlich ausrufen: „Verwählt Euch nicht!“ Und vor allem möchte ich alle ermuntern, dass jede und jeder in seinem Umkreis dies auch den Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zuruft: „Geht wählen und verwählt Euch nicht!“


„Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung“

Die kontinuierlichen Kürzungen der finanziellen Mittel im Bildungsbereich gefährden die Demokratie
August 2023 zur Haushaltsdebatte

Seit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992 haben sich die politischen Auseinandersetzungen und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft weiter verschärft. Doch trotz der dringenden Notwendigkeit, Bildung als präventives Mittel gegen Hass und Gewalt einzusetzen, werden die finanziellen Mittel für politische Bildungsprojekte kontinuierlich gekürzt – zuletzt im aktuellen Haushaltsentwurf der Bundesregierung. Ein Kommentar von Siegfried Grillmeyer:

 

Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich kurz nach der deutschen Wiedervereinigung zum ersten Mal die Formulierung und damit Forderung gehört, dass politische Bildung keine Feuerwehr sein dürfe. Ausgangspunkt waren die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992. Rechtsextreme Randalierer steckten aus einer rassistischen und fremdenfeindlichen Motivation heraus ein Wohnheim in Brand – und dies unter dem Applaus von rund 3000 Zuschauern. Ein Sonderprojekt und damit beachtliche Fördermittel wurden bald darauf zur Verfügung gestellt. Politische und historische Bildung sollten auf Dauer mögliche Brutstätten von Hass und Gewalt bekämpfen.

Aber leider war Rostock nur die erste unter vielen Ausschreitungen und tödlichen Übergriffen, die in den kommenden Jahren folgen sollten und die damalige „Asyldebatte“ nur der Beginn einer Verrohung der politischen Diskussionskultur.

Immer wieder wurde politische Bildung durch immense Fördermittel als Feuerwehr eingesetzt. Während einzelne Projekte – wie jüngst unter dem Titel „Demokratie Leben“ – für jeweils begrenzte und oftmals sehr kurze Zeit finanziell gut ausgestattet werden, wurden gleichzeitig Bildungseinrichtungen geschlossen und bangen zivilgesellschaftliche Akteure von (Förder-)Jahr zu Jahr um ihre Fortexistenz.

 

Das Sterben von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe wie auch der Erwachsenenbildung geht erschreckend weiter, ob nun im kommunalen, im staatlichen Bereich oder bei den Kirchen, Gewerkschaften, parteinahen Initiativen oder ganz allgemein zivilgesellschaftlichen Projekten.

 

Zuspitzung durch den Bundeshaushalt 2024

 

Ein Höhepunkt dieser dramatischen Zuspitzung wird nun mit dem Haushaltsentwurf 2024 der Bundesregierung erreicht. Demnach soll der Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) und damit das zentrale Förderinstrument zur Finanzierung der bundesweiten Infrastruktur der Kinder- und Jugendarbeit, um 44,6 Millionen Euro bzw. um 18,6 Prozent gekürzt werden. Zusätzlich soll der Förderhaushalt für Träger der politischen Bildung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) um weitere 4,2 Mio. Euro gekürzt werden, das sind rund 24 Prozent des Fördervolumens.

 

Die Bundesregierung hat ihren Entwurf für den Bundeshaushalt am 5. Juli 2023 vorgelegt. Manche waren da schon real, andere vielleicht in Gedanken bereits in den Ferien. Denn der große Aufschrei blieb landesweit aus.

 

Vielleicht hatte man an vielen Orten auch einfach resigniert den Kopf geschüttelt, dass man im Angesicht der Gefährdungen der Demokratie gerade die strukturelle Förderung der Bildung massiv kürzen will. Und niemand scheint sich an die in Sonntagreden gern zitierte Aussage des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy zu erinnern, der es auf den Punkt brachte: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“

Ob mir persönlich nun das Bild von der politischen Bildung als Feuerwehr gefällt oder nicht, so sehe ich doch derzeit viele Brandgefahren und auch ganz reale politische Schwelbrände, die sich zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand ausweiten können. Und auf Dauer hilft da keine Feuerwehr.